We proudly present:

Unsere Reihe "Kreolische Konstellationen: Kolonialismus - Imperialismus - Internationalismus" wird endlich wieder aufgenommen, natürlich leider nur als Online-Veranstaltungen.

Den Auftakt macht am Sonntag, dem 14. Juni 2020, um 18 Uhr Lutz Fiedler mit seinem Vortrag zum Thema "Schicksalsverwandtschaft"? Zu Jean Amérys Fanon-Lektüren.

Nora Sternfeld referiert ihr Thema "Situierter Universalismus" am 5. Juli,

Paul Dziedzic klärt uns über "Metamorphosen des Imperialismus"  am 19. Juli auf.

Technische Einzelheiten, insbesondere die Einwahladresse, senden wir Euch einige Tage vor den jeweiligen Veranstaltungen über den Email-Verteiler bzw. erfahrt ihr auch auf Facebook: http://jourfixe.net/

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Da es uns leider nicht möglich war, den Vortrag von Said Belguidoum als Online-Veranstaltung zu gestalten, haben wir seinen Vortragstext und ein Grußwort  von ihm hier auf die Website gestellt, siehe unter der Veranstaltung "Algerien: Eine zweite Unabhängigkeit?"

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Exposé

Der Antiimperialismus ist offenkundig tot, aber hat auch der Imperialismus abgedankt? Hat die Globalisierung multinationalen Unternehmen zur Macht verholfen und das alte Bündnis von Staat und Kapital aufgelöst? Hat die kapitalistische Welt die Form eines einzigen Empires angenommen? Sind die USA immer noch der Hegemon der Weltordnung oder hat sich der Kapitalismus mit seinen indischen und chinesischen Varianten dezentralisiert? Wie muss das Verhältnis von „globalem Norden“ und „globalem Süden“ gefasst werden angesichts der Klimazerstörung? Und wie lässt sich vor dem Hintergrund der globalen Migration das Fortleben des Kolonialismus verstehen? Die aktuellen Kämpfe wie in Chile, im Sudan und Libanon, aber auch die enttäuschten Hoffnungen, die der Arabische Frühling, die Occupy-Bewegungen sowie die lateinamerikanischen und griechischen Linksregierungen weckten, veranlassen uns, über die internationalen Verflechtungen von Politik, Ökonomie und Kultur neu nachzudenken.

Doch die Traditionen, auf die sich dieses Denken beziehen könnte, lassen sich nicht einfach verbinden. Oft ist es bereits schwer, ihre Sprachen zu übersetzen. Ist die Ordnung kolonial, imperial oder postkolonial? Brauchen wir eine Internationale, Antinationale oder Terrestriale, Antikolonialismus, Antiimperialismus oder Dekolonisierung? Vor allem stehen die kritischen Traditionen – die Kritik des Kapitalismus, des Imperialismus, des Kolonialismus – nur in losen Beziehungen. Sie haben unterschiedliche Paradigmen, beziehen sich auf unterschiedliche Zeiten und Methoden, rücken eher die Ökonomie, Kultur oder Politik in den Vordergrund. Sie situieren sich entweder in Europa und Nordamerika, oder in Afrika und Südostasien oder in Latein- und Südamerika.

Möglichkeiten, gemeinsame Perspektiven zu entwickeln, hat es reichlich gegeben. Die 1919 gegründete Komintern rief in ihrem Gründungsmanifest zum globalen Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus auf. Der antikoloniale Kampf in den Peripherien galt als ein notwendiger Beitrag zur Weltrevolution. Doch mit dem Scheitern der Russischen Revolution wurden die antikolonialen Befreiungsversuche dem Erhalt des Sowjetstaates untergeordnet. Die antikolonialen Bewegungen verkamen zur „nationalen Befreiung“, so dass die in der Kolonialzeit entstandenen Staaten postkolonial fortbestanden. Der Antiimperialismus scheiterte mit dem Kommunismus des 20. Jahrhunderts am Nationalismus und inkonsequenten Universalismus.

Daran war bereits die bürgerliche Revolution gescheitert. Die Versklavten von Saint- Domingue erkannten das universelle Emanzipationsversprechen der Französischen Revolution und befreiten sich 1805 von Sklaverei und Kolonialismus. Sie trieben die Französische Revolution über deren Grenzen hinaus. Die siegreichen Revolutionärinnen konfrontierten die Welt mit einem antikolonialen politischen Subjekt, das dem bürgerlichen, westlichen Universalismus seine rassistische und klassistische Beschränktheit vorführte. Deshalb wurde die Haitische Revolution so unerbittlich bekämpft und von den Historikerinnen im 20. Jahrhundert beschwiegen. Sie gehört, ausgehend von der 1938 veröffentlichten Analyse von C. L. R. James, zum häretischen Erbe, das wir für einen neuen antiimperialistischen Kommunismus bergen können. Zu ihm gehören auch zahlreiche Vertreterinnen der Négritude-Strömung wie Aimé Césaire, Frantz Fanon oder Léopold Sedar Senghor. Sie standen nicht nur lange Zeit den kommunistischen Parteien nahe, sondern beeinflussten auch die Entstehung der Neuen Linken in den Metropolen.

Doch diese Strömungen blieben oft unverbunden. Als sich Adorno und C.L.R. James während des Zweiten Weltkrieges in New York trafen, hatten sich die zwei marxistischen Denker wenig zu sagen. Dabei teilten die Kritische Theorie und der Schwarze Marxismus eine ähnliche Denkbewegung. Adorno kritisierte den Universalismus des westlichen kapitalistischen Denkens bis ins Letzte, ohne ihn schlechterdings aufzugeben oder gar Nationalismus und Essentialismus die Hand zu reichen. Er öffnete den Horizont für Differenzen – traf sich dort aber nicht mit James, der in der Haitianischen Revolution die Geburt eines weiteren proletarischen, antikolonialen Akteurs beschrieben hatte. James hielt dem westlichen Universalismus den antikolonialen Spiegel vor und machte den europäischen und kapitalistischen Partikularismus sichtbar. Adorno aber blieb auf dem antikolonialen Auge blind. Was eine Vereinigung häretischer Marxismen hätte werden können, blieb eine flüchtige Begegnung.

Doch auch einige gegenwärtige Befreiungsbewegungen erproben aufgrund der Erfahrung ihrer Vorgängerinnen mit Nationalismus und autoritärem Sozialismus neue Strategien. Die Zapatistinnen in Chiapas wie die Kurdinnen Rojavas sind am bekanntesten. Fast unbekannt dagegen ist die 1984 gegründete FLNKS (Front de Libération Nationale Kanak et Socialiste), obwohl sie Ende der 80er Jahre die Kontinuität des französischen Imperialismus/Kolonialismus deutlich machte. Wie die Zapatistinnen und bereits Luxemburg und Mariategui verbindet dieses politische Bündnis die Ideen urkommunistischer Lebensweisen mit einem modernen Sozialismus. Ein Mitglied der FLNKS formulierte es 2018 so: „Die Verteidigung unserer Rechte gelingt nur über die Öffnung zum Universalismus, zu dem wir gehören. Wenn wir ihn ignorieren, verlieren wir unsere eigenen Werte.“ Sind solche Kämpfe Modelle, das Regionale mit dem Globalen, das Partikulare mit dem Universalen zu versöhnen?

An dieser Aufgabe ist die Linke in den Metropolen historisch gescheitert. In Deutschland war es die Sozialdemokratie, die sich als erste Partei zum Internationalismus bekannte. Doch nicht zufällig spaltete sie sich an der Frage des Imperialismus und der Beteiligung am Ersten Weltkrieg. Die Mehrheit kapitulierte vor dem Nationalismus. Luxemburg wie auch Lenin erkannten, dass dieses Scheitern der Sozialdemokratie auch damit zusammenhing, dass Teile des Proletariats der Metropolen von der imperialen Lebensweise profitierten. Dieser Gedanke ist bis heute aktuell geblieben. Reichtum, Lebenschancen, Müll sind global ungleich verteilt. Das ordnende Prinzip dieser ungleichen Verteilung liegt im Zusammenspiel von Staaten und Klassen, Geschlechtern und „race“. Die Gesellschaften des „globalen Südens“ wie die des Nordens sind Klassengesellschaften, durch sexistische Ungleichheit und ethnische Ausgrenzung geprägt. Der „globale Süden“ ist unterdrückt und unterdrückerisch. In den letzten Jahrzehnten hat die „Dritte Welt“ in den Metropolen Einzug gehalten. Zugleich zeigen die globalen Wertschöpfungsketten ein drastisches Ungleichgewicht. Egal ob Kleidung, Kaffee oder Smartphone: nur ein Bruchteil des Endpreises wird in den produzierenden Ländern realisiert – und dort zwischen Arbeiterinnen, Kapital und Staat ungleich aufgeteilt.

Dieser ökonomisch-politische Zusammenhang braucht ideologische Grundlagen. Schon immer benötigte es eine gewisse „Kälte des bürgerlichen Subjektes“ (Adorno), um sich trotz allen Wissens im weißen Wohlstand wohl zu fühlen. Und vor allem braucht es den Rassismus, der sich mit zunehmenden Krisentendenzen wieder offener und brutaler artikuliert. Wie funktioniert heute dieses Zusammenspiel von Ideologie, kultureller Produktion, globaler Ökonomie und staatlicher Ordnung der Welt? Und wie reagiert es auf Machtverschiebungen? Der imperiale Kapitalismus ist weiterhin angetrieben vom alten Hunger nach Rohstoffen, Arbeitskräften und neuem Land. Doch was passiert, wenn sich die alte imperiale Weltordnung kolonialer Herrschaft in eine Vielfalt postkolonialer Ausbeutungs- und Machtbeziehungen transformiert? Stehen wir vor zwei Optionen? Ist ein aggressiver Nationalismus, die Abschottungspolitik Europas, das hartnäckige Ignorieren der Klimakrise und ein persistierender Rassismus und Anti-Feminismus der Weg der herrschenden Klassen, die letzten Tage der Menschheit einzuläuten? Erleben wir eine neue Metamorphose der globalen kapitalistischen Produktion und Reproduktion in Form eines „Green New Deal“? Oder gibt es ein Anderes, das nur zu entfalten sein wird, wenn wir die Blickwinkel ändern? Die Welt sieht anders aus, wenn wir sie von den Peripherien aus betrachten.